Gordon Brown’s Rettungsversuch in Manchester
September 24th, 2008 von
maphry
In Grossbritannien ist derzeit Parteitags-Saison und nachdem in der letzten Woche die Liberal Democrats dran waren und sich in der nächsten die Conservatives an der Reihe sind, hiess es in dieser Woche für die Regirungspartei, Labour, sich dem Wahlvolk zu präsentieren. Für deren Chef, Gordon Brown, sind die Zeiten derzeit sehr schwierig. Als einstiger Finanzminister, der sich den jahrelangen Aufschwung zu eigen gemacht hatte, und nun als Premierminister den Abschwung verwalten muss, waren die Umfragen zuletzt mehr und mehr eine Katastrophe. Innerparteilich geriet er in letzter Zeit immer mehr unter Druck, rebellische Hinterbänkler forderten gar einen offnen Führungswettbewerb.
Allerdings fand sich keiner, der ihn in diesen Krisenzeiten stürzen wollte, auch wenn sich der wohl wahrscheinlichste Nachfolgekandidat, Aussenminister David Miliband, in seiner Parteitagsrede merklich zurückhalten musste, um ihn nicht dort schon die Show zu stehlen und somit zur Disposition zu stellen. Unter diesen Vorzeichen wurde seine Rede nun als die wichtigste seiner Karriere gebranntmarkt, denn es stand nun die Frage im Raum, ob es ihm gelingen würde die Partei wieder hinter sich zu scharen. Mit langer Vorbereitungszeit hatte er hier die Möglichkeit seine Kritiker erst einmal wieder ruhig zu stellen.
Die Rede (genauere Analyse siehe unten) war geprägt von der Betonung der sozialen Seiten der Partei und seiner selbst. Er stellte sie als jemanden da, welche sich dank ihrer vielen Errungenschaften nun nicht verstecken brauche, sondern optimistisch in die Zukunft schauen solle. Dabei griff er die Opposition und die innerparteilichen Kritiker teils heftig an und brachte seine Strategie für die Wirtschaftskrise im Land und auf internationaler Ebene zum Ausdruck. Besonders betonte er die Fairness, die er ab nun an noch mehr in den Vordergrund stellen wolle und wie er plane diese umzusetzen.
Ob diese Rede nun gereicht haben wird, bleibt fraglich. Sicher, sie war für den sonst eher trocken wirkenden Brown schon eine gute Rede, in dem es ihm gelang seine Parteikollegen mitzureissen. Doch was da letztendlich Wert seien wird, wird man erst sehen, wenn die Konservativen nächste Woche ihren Parteitag abgehalten haben werden, wo David Cameron sicherlich reichlich gegen den Premierminister schiessen wird. Das Schicksal Browns als Parteichef und Premier werden dann wohl die Umfragewerte noch vor Weihnachten entscheiden, denn sollten diese nicht merklich besser werden, könnte es gut sein, das die geschlossenen Reihen hinter seinem Rücken brechen werden und er spätestens im Frühjahr nächsten Jahres aus der Abschussliste steht.
Redeanalyse (Quelle des Textes: Labour.co.uk):
Da er sich überraschend von seiner Frau hat vorstellen lassen, bedankte er sich zunächst bei dieser und begann dann mit der Rede, in der er schnell klarstellte was er will:
I want to talk with you today about who I am, what I believe, what I am determined to lead this party and this great country to achieve. [...]
And so I want to answer your questions directly, to talk with you about how amidst all the present difficulties we should be more confident than ever that we can build what I want to talk to you about today. A new settlement for new times. A fair Britain for the new age.
Dieses faire Britannien sollte dann auch das Leitmotiv seiner Rede werden, denn immer wieder betonte er, dass dies allein sein Ziel sei. Bis dahin stellte er sich erst einmal sich selbst vor, wie er sich bei seinen Aufgaben bei seinem Job fühlt. Auch stellte er klar, das er als Politiker nicht seine Kinder in den Vordergrund stellen will um bessere Umfragen zu erzielen, sondern sich selbst.
Some people have been asking why I haven’t served my children up for spreads in the papers. And my answer is simple. My children aren’t props; they’re people.
Über sein unglückliches auftreten in den letzten Monaten, vor allem in der 10p-Tax Frage gab er zu, dass er Fehler gemacht habe, aber diese dann schnellstens versucht habe die zu korregieren.
And where I’ve made mistakes I’ll put my hand up and try to put them right. So what happened with 10p stung me because it really hurt that suddenly people felt I wasn’t on the side of people on middle and modest incomes – because on the side of hard-working families is the only place I’ve ever wanted to be. And from now on it’s the only place I ever will be.
Dann stellte er wieder um auf die allgemeinen Probleme des Landes und sein selbstverständnis einer guten politischen Führung.
And so I want to give the people of this country an unconditional assurance – no ifs, no buts, no small print – my unwavering focus is taking this country through the challenging economic circumstances we face and building the fair society of the future.
Dann widmete er sich seinen innerparteilichen Gegnern, und verurteilte deren Angriffe als unverantwortlich den Wählern gegenüber.
The British people would not forgive us if at this time we looked inwards to the affairs of just our party when our duty is to the interests of our country. The people of Britain would never forget if we failed to put them first – and friends, they’d be right.
Er ging dann über dau, dass sich die Welt in den letzten 11 Jahren verändert hätte, vor allem die aktuelle Wirtschaftskrise sei etwas gewesen, was man bisher nicht gekannt hatte. Und um eine Spitze gegen den Gegner noch einmal dort einzupacken kritisierte er diese dann nocheinmal ordentlich.
And when the country is asking their government to meet these new challenges I say to our opponents: those who don’t believe in the potential of government shouldn’t be trusted to form one.
Dann stellte er klar, dass gerade die Labour-Party diejenigen seien, die in kritischen Situationen den Menschen helfen könnten und stellte die Grundeinstellungen noch einmal klar in den Vordergrund.
A settlement where the rewards are for what really matters – hard work, effort and enterprise. A settlement where both markets and government are seen to be the servants of the people, and never their masters, where what counts is not the pursuit of any sectional interest but the advancement of the public interest – and where at all times we put people first.
Das ‘Puts people first’ kennen wir ja mittlerweile schon von McCain, und überhaupt neigte er hier an einigen Stellen amerikanische Politiker zu kopieren bzw. deren einzelnen Elemente ineinander zu verarbeiten. Aber weiter. Er widmete sich dann dem zu, wie er die Finanzkrise vor allem international begegnen möchte und klärte darüber auf, was er gedenkt bei der UN-Vollversammlung zu erreichen:
First, transparency – all transactions need to be transparent and not hidden.
Dort waren es vor allem die USA und eben UK, die es in den letzten Jahren auf den G8-Gipfeln verhindert hatten, dass solche Regeln in Kraft treten. Dortige änderungen wirklich durchzusetzen könnte bei dem Wiederstand der USA sicher schwer werden.
Second, sound banking, a requirement to demonstrate that risks can be managed and priced for bad times as well as good.
Third, responsibility – no member of a bank’s board should be able to say they did not understand the risks they were running and walk away from them.
Risikomanagement und Kritik an den Verantwortlichen sind wohl ureigene Themen der Arbeiterparteien Europas. Gerade das zweite wird sicher nicht ganz so einfach seien auch wirklich umzusetzen.
Fourth, integrity – removing conflicts of interest so that bonuses should not be based on short term speculative deals but on hard work, effort and enterprise.
Auch dieses ist einfacher gesagt als getan. Man darf gespannt sein, mit welchen konkreten Vorschlägen er dieses international erreichen möchte. Das Resultat was er sich daraus erwartet, ist dann auch sogleich sehr ambitioniert, und typisch Britisch.
And if we make these changes I believe London will retain its rightful place as the financial centre of the world.
Genauso ambitioniert ist dann auch das Ziel in der CO2-Reduktion, welches er dann auch sogleich festzurrte und mit den von ihm gesehen Vorteilen verband:
And I am asking the climate change committee to report by October on the case for, by 2050 not a 60% reduction in our carbon emissions, but an 80% cut – and I want British companies and British workers to seize the opportunity and lead the world in the transformation to a low carbon economy and I believe that we can create in modern green manufacturing and service one million new jobs.
Ja, und dann war da noch die Anspielung auf die Konservativen, die nocht mit Geld umgehen könnten, und den Verweis auf einen Buchmagier, deren Autorin erst letzte Woche gross für die Labour-Party spendete. Inwieweit man das dort in zusammenhang sehen will, bleibt jedem selbst überlassen, aber ich denke mal, der Satz stand bevor die Überweisung kam.
But you know, when it comes to public spending you can’t just wave a magic wand to conjure up the money – not even with help from Harry Potter.
Nun, weiter ging es dann mit dem Anspruch der Britten, den er verteidigen wolle:
With Britain’s great assets – our stability, our openness, our scientific genius, our creative industries, and yes our English language – I know that this can be a British century and I’m determined it will be.
Er spielte dann auf die ganzen neuen Herausforderungen an, um dann die Errungenschaften der Labour-Regierung der letzten Jahre hervorzuheben, um dieses mit knappen Beispielen an Personen (Vorsicht, Hillary Clinton lässt grüssen) zu verdeutlichen.
It is not the arithmetic of statistics but the fabric of people’s lives.
Und warum er für Fairness eintritt, war dann schon etwas abgedroschen, aber es amcht sich auf diesem Parteitag halt immer noch gut.
And why do we always strive for fairness? Not because it makes good soundbites.Not because it gives good photo opportunities. Not because it makes for good P.R. No. We do it because fairness is in our DNA.
Wie das nun in Zukunft aussehen solle stellte er auch klar, indem er die Reformierung der Öffentlichen Einrichtungen, vor allem des Gesundheitswesens beschwor:
But fairness for the future also means a big change that I want to explain today. We have always stood for public services that are universal, available to all. Now we must stand for public services that are not only available to all, but personal to each.
Beim Gesundheitswesen blieb er dann auch noch etwas länger, erzählte seine persöhnliche Geschichte dazu, warum er den NHS (National Health Service) so verteidige. Unter anderem wolle er zusichern, das das Pflegen von Alten kein Problem darstellen werde in Zukunft:
No-one should live in fear of their old age because they worry their social care will impose financial burdens they could never afford to face and that the minute they need care puts the family home at risk.
Die Sicht auf dem Arbeitsmarkt ist aus deutscher Sicht vielleicht etwas eigenartig, vor allem weil es hier von der Linken Partei kommt. Dennoch hat dieses Rezept den Britten im letzten Jahrzehnt einige Vorteile gebracht:
So our policy is that everyone who can work, must work. That’s why James Purnell has introduced reforms so that apart from genuine cases of illness, the dole is only for those looking for work or actively preparing for it. That’s only fair to the people pulling their weight.
Dann widmete er sich nocheinmal den Conservatives um darzustellen, dass diese dem Land nur schaden zufügen würden und besonders die Fairness im Lande vergessen lassen würden:
And just think where our country would be if we’d listened to them. No paternity leave, no New Deal, no Bank of England independence, no Sure Start, no devolution, no civil partnerships, no minimum wage, no new investment in the NHS, no new nurses, no new police, no new schools. And so let’s hear no more from the Conservatives – we did fix the roof while the sun was shining.
Weitr ging es dabei, dass er die Rechten als Wolf im Schafspelz darstellte, um danach deren Politik auseinandernahm.
But I believe in giving credit where it’s due. The Conservative leader’s team are smart – they’ve got a plan, and they are implementing it ruthlessly. Their strategy is to change their appearance, to give the appearance of change, and to conceal what they really think. And when salesmen won’t tell you what they are selling, it’s because they are selling something no-one should buy. But I’m a man for detail and I’ve discovered some clues about what would be in store in a Conservative Britain.
Um auch die Seperatisten im Land zu begegnen, widmete er ihnen dann diese netten Zeilen:
That’s why for all the challenges, I don’t believe Britain is broken – I think it’s the best country in the world. I believe in Britain. And stronger together as England, Wales, Scotland and Northern Ireland we can make our United Kingdom even better. And ours is a country full of heroes.
Er fasste dann nochmal die neue Politik seiner Kabinettsmitglieder zusammen, um das dann alles auf einen Punkt zu bringen:
The fair society. Fairness at home. Fairness in the world – that’s the new settlement for new times.
Mit einem langen Auslassen über die hartarbeitenden Menschen im Lande beendete er dann die ca. einstündige Rede.
Man kann sagen, dass er versucht hat recht viele Soundbites einzubauen, und er als Routinierter Redner es vertand seine Partei mitzunehmen. Viel neues hat man allerdings nicht vernommen, ausser vielleicht die Überschrift Fairess, welche er vor sich hertrieb wie Obama das Change. Es war sicher keine berauschende Rede, aber sie war auch nicht schlecht. Der unterschied zu den amerikanischen Reden wurde mehrfach deutlich, dennoch adoptierte er einiges, was man derzeit aus diesen lernen kann. Alles in allem also gut von Brown gemacht, aber ob es ihm hilft ist eine andere Frage.
Hintergrundartikel:
- Gordon Brown: ‘We will be rock of stability and fairness’ (Guardian)
- Gordon Brown hits back: this is no time for a novice (The Times)
- Brown pledges to defeat tough times and critics (The Independent)
Geschrieben in Political Theories | Tags: Conservatives, David Miliband, Gordon Brown, Labour, Liberal Democrats, Manchester, Parteitag, Rede, UK
1 Kommentar »
October 30th, 2008 um 10:07 am
Excellent blog and very interesting information. And the information actual for today?